“Zwar gibt es Riesen”, liest Day vor. “Zwar gibt es Riesen nur in einer Größe, aber es gibt sie in vielerlei Gestalt. Da gibt es den griechischen Zyklop und den französischen Pantagruel und den amerikanischen Bunyan. Es gibt umfangreiche und multikulturelle Erzählzyklen, in denen Riesen als Feuersäulen auftauchen, als Wolken mit Beinen, als Berge, die auf dem Kopf stehend wandern, während die ganze Welt schläft.”
[…]
“Es gibt rot glühende Riesen, warme Riesen”, liest Day. “Es gibt auch kalte Riesen. Verschiedene Formen. Eine Form des kalten Riesen wird in bestimmten Zyklen als meilenhohes Skelett ganz aus buntem Glas beschrieben. Der Glasriese lebt in einem Wald, der weiß gefroren ist.”
[…]
[Esther:] “Kalte Riesen.”
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“Er ist der Hüter des Waldes. Jeder Schritt des Riesen misst eine Meile. Tag für Tag und den ganzen Tag schreitet er. Er bleibt nie stehen. Er kann nicht rasten. Denn er lebt in der Angst, sein gläserner Eiswald könnte irgendwann tauen. Diese Angst hält ihn jede Minute auf den Beinen.”
“Will nicht schlafen”, sagt Esther.
“Ja, niemals schlafend durchschreitet der Glasriese den weißen Wald, mit meilenweiten Schritten, Tag und Nacht, und die Hitze seiner Schritte lässt den Wald hinter ihm tauen.”
Esther versucht, die schließende Tür anzulächeln. Ihr Mullverband ist fleckenlos. “Der Regenbogen.”
“Ja.” Day zeigt das Bild. “Im aufgetauten Wald regnet es, und der gläserne Riese ist der Regenbogen. Das ist der Kreis.”
“Auftauen ist Regen.”David Foster Wallace - Kirche, nicht von Menschenhand erbaut
(Source: noxe, via ilostmyheartatsea)
[…] Es gibt etliche vernünftige und viel versprechende Methoden, auf die Leserin zuzugehen, aber sich gleich in die Leserin hineinzuversetzen zählt nicht dazu. Wenn du das versuchst, bist du auf dem besten Weg, in eine weitere Falle zu tappen, die Frage nämlich, ob der Leserin auch “gefällt”, was du gerade schreibst. Dir und deinen wenigen schreibenden Freunden ist nur zu bewusst: Auf keine andere Art lässt sich so schnell eine Schreibhemmung auslösen, auf keine andere Art lässt sich nachhaltiger das individuelle Gefühl einer inneren Notwendigkeit abwürgen. Ein solches Kalkül ist absolut tödlich. Zum besseren Verständnis: Stell dir vor du gehst auf eine Party, auf der du kaum jemanden kennst. Später, auf dem Nachhauseweg, fällt dir auf, dass du den ganzen Abend lang immer nur überlegt hast, ob du den anderen nun sympathisch bist oder nicht, und kein einziges Mal, ob jemanden von ihnen dir sympathisch war. Jeder, der so etwas schon erlebt hat, weiß, wie tödlich diese Einstellung ist, wenn man auf eine Party geht. […]
David Foster Wallace - Kurze Interviews mit Fiesen Männern, Oktett, Pop-Quiz 9