Zeitreisen
Die Vergangenheit begrüßt mich mit einem Meer aus gelben Rapsblüten, über dass der Wind verworrene grüne Linien wirft, die wie Wellen an dem steinig-sandigen Feldweg zu meinen Füßen branden. Links davon - keine 500 Meter entfernt - der Wald, und rechts, mehr Felder, die sich durch eine Senke ziehen, vereinzelte Gruppen von Bäumen, die wie Felsformationen aus dem gelben Meer ragen. Und hinter mir, gerahmt von einem Zaun aus fast schwarzem Holz und versteckt hinter einer Reihe von hohen Nadelbäumen, ein altes, verblichenes Polaroid, dass den Schritt durch das rostrote Tor zum Schritt durch eine Leinwand aus Zelluloid werden lässt. Ein Schritt, der verheilte Narben wieder bluten und längst verlorene Dinge wieder schmerzen lässt.
Mehr als vier Jahre sind in der Welt vergangen, während an diesem Ort, nur einen Schritt entfernt, die Zeit stehen geblieben ist. Ich wusste, die Rückkehr würde sich anfühlen, als hätte ich ihr erst gestern die Tür auf gehalten, während wir uns verabschiedeten, als hätte ich sie über Nacht verloren und als würde mir nun jede Türklinke, die ich in die Hand nahm, die selbige schütteln und mir fassungslose Kondolenzen zu ihrem plötzlichen Verschwinden aussprechen.
Es heißt, die Länge des Darms eines Menschen steht im Verhältnis von 6 zu 1 zu dessen Körpergröße, was in meinem Fall wohl bedeutet, dass mein Darm etwas weniger als 12 Meter lang ist. Eine beachtliche Zahl, solange wie man Folgendes nicht weiß. Wikipedia verrät: Die Länge aller Nervenbahnen des Gehirns eines erwachsenen Menschen beträgt etwa 5,8 Millionen Kilometer, das entspricht dem 145-fachen Erdumfang.
Im Anbetracht dieser Zahl wird mir schwindelig. Es verleiht der Frage, wie lange und wie viele Meter ich noch durch dieses dunkle Labyrinth in meinem Kopf herum irren muss, um einen Ausweg oder gar mich selbst zu finden, den bitteren Beigeschmack der Aussichtslosigkeit. Wäre ich schon mein ganzes Leben lang, Tag und Nacht, auf der Suche und hätte ich an jeder Kreuzung die richtige Abzweigung genommen, ich hätte gerade einmal ein Fünftel geschafft. Aber so ist es nicht. Zu oft hatte ich das Gefühl mich im Kreis zu drehen und zu oft stolperte ich über Fallstricke, die meine Vergangenheit für mich ausgelegt hatte.
Ich müsste 132 Jahre lang Laufen, um all meine Nervenbahnen zu Fuß abzuschreiten, um jeden Winkel meines Kopfes betreten zu haben. Im Anbetracht meines Lebensstils und dem der Welt, sehe ich die Wahrscheinlichkeit, dass ich es noch schaffe als verschwindend gering an. Was bleibt ist die Hoffnung, dass der Ausgang hinter der nächsten Biegung liegt.
“Ich dachte, dass du das auch gespürt hättest…”
Es ist merkwürdig, jetzt, im Nachhinein, zu erfahren, dass die Sache zwischen uns niemals so hoffnungslos war, wie ich es angenommen hatte. Dass diese Anziehung, die ich immer nur von ihr ausgehen sah, tatsächlich zwischen uns beiden lag. Und auch wenn es viele Fragen beantwortet, wirft es neue Fragen auf, die ich nicht wirklich angenehmer finde. Vor allem die Frage, warum sie einen Mann, von dem sie loskommen wollte, mir vorzog, warum sie es hinnahm, mich bewusst so zu verletzen, wenn ich auf in ihren Gefühlscharts doch eigentlich mit Abstand vor ihm hätte platziert seien müssen, insofern sie es ernst meinte. Was mich letztendlich zu der Frage ihrer Glaubwürdigkeit bringt.
Jetzt, da es vorbei ist und wir genug Abstand zwischen uns haben um davon ausgehen zu können, dass diese Worte nicht auf sie zurückfallen, lässt sich so etwas leicht sagen. Vielleicht meint sie es auch nur gut, will mich nicht enttäuschen, aber irgendwie, egal wie ich es drehe und wende, ihre Entscheidungen und das was sie mir nun erzählte.. erscheint mir unlogisch, passt nicht zusammen.
Es waren Worte, einst gesprochen, zu groß als dass ich sie je vergessen könnte. Worte, die wie Nachtfalter durch meinen Kopf schwirren würden, bis sie sich in den Tiefen dieses finsteren Waldes aus Neuronen und Synapsen verirrten. Bis sie an jenen Ort gelangten, an dem nur selten die Sonne schien, an dem mein Herz sich versteckte und zwischen knochigen, toten Ästen Netze aus Gedächtnissträngen spann. Dort sanft leuchtete und mit der Geduld einer Spinne auf Beute wartete, auf dass sich diese Worte dort verfangen würden.
Mit unstillbarem Hunger haust es dort, webt sie - wie Trophäen an einer Wand - in seinen Netzen fest und sieht zu, wie sie sich winden. Wartend, dass sie dort verenden würden.
Nur waren diese Worte unvergänglich. Sie würden nie ihr Ende finden und sich noch lange weiter durch meine Gedanken winden, mich fortwährend an sie erinnern. Sie würden den Hunger meines Herzens nicht stillen können, viel mehr ihn noch anschüren, es zu einem Gefangenen der Möglichkeiten machen, die ich nie ergriffen hatte.
The Rain Won’t Solve His Enigmas
Es war erbärmlich. Es gab keine passendere Beschreibung dafür. Ein einziger Blick in ihre Augen, ein Lächeln das nicht mir galt, mehr brauchte es nicht, um mich Nacht für Nacht die Couch dem Bett vorziehen zu lassen. Und auch das war erbärmlich, war es nichts weiter als ein billiger Taschenspielertrick, eine brüchige Fassade, die nicht einem Blick standhalten würde, geschweige denn mir jemals hätte genügen sollen.
Aber Nachts genügte es. Für den schlaftrunkenen Moment des Aufwachens, dem einsamen Auftauchen aus diesem schwarzen See, reichte mir die Rückenlehne der Couch aus, um mir einen Hauch Geborgenheit zu schenken. Möglicherweise lag es auch daran, dass sie immer da war, sich in meinem Kopf so verkeilt hatte, dass jeder Gedanke mit ihr anfing und auf sie endete. Sie war dort wie eine Wahrheit, die man nicht einfach so wegwischen konnte. Nicht einmal die dunklen Wasser meiner traumlosen Nächte konnten das.
Und irgendwie war es doch auch das, was ich gewollt hatte. Ich sehnte mich nach Regen, nicht auf meiner Haut, nicht in meinen Kleidern, sondern in mir. Die letzten Wochen voller Arbeit, Lernen und Rastlosigkeit versetzten mich in eine Art Taubheit, ließen mich kalt werden und schürten in mir die Sehnsucht danach, etwas zu fühlen. Die Sehnsucht nach Sehnsucht. Ich hatte Monate, wenn nicht sogar Jahre damit verbracht, mich nach Geistern zu verzehren, die mich in meinen Nächten heimsuchten und jetzt, als sie auf einmal verschwunden waren, als ich endlich das Gefühl hatte, frei von ihnen zu sein, stand ich Nachts an meinem Fenster, in die Dunkelheit blickend und wünschte mir, sie würden zurück kommen, denn ich fühlte mich leer ohne sie. Vielleicht wollte ich es nur, weil ich vergessen hatte, was es hieß, ohne Verzweiflung zu lieben. Vielleicht, weil es meine ganz eigene Form von Liebe war, zu der ich auf ewig verdammt seien sollte.
Als wollte er dem Titel des Songs trotzen, höre ich den Regen mit kleinen Fingern an mein Fenster klopfen, leise, heimlich und doch beständig, mit einer Geduld, wie sie nur der Regen haben kann. Er ruft mir von draußen zu: “Was wissen sie schon und was weißt DU schon? Komm zu mir und gib es endlich zu, du sehnst dich nach meiner Berührung.” Wahrscheinlich hat er damit sogar recht.
Eines der seltsamsten, ungeschriebenen Gefühlen ist immer noch die Fremde und Distanz zwischen zwei Menschen, die sich einmal, auf welcher Ebene auch immer, liebten.